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- From: PILCH Hartmut phm@a2e.de
- Subject: [Patents] letter to Karel van Miert
- Date: Sun, 16 May 1999 10:18:48 +0200 (CEST)
http://swpat.ffii.org/miertde.html
(This is a draft to which translations may be added later)=20
[1][rauf]
_________________________________________________________________
=20
Brief an EU-Wettbewerbskommissar
=20
* [2]Sehr geehrter Herr van Miert!
* [3]Unterzeichnerliste
=20
Sehr geehrter Herr van Miert!
Sie haben in den letzten Monaten und Jahren immer wieder Ihrer Sorge
=FCber Monopolgefahren im Softwarebereich =F6ffentlich Ausdruck verliehe=
n.
Noch auf der Berliner Kartellkonferenz von Anfang Mai nannten Sie das
Beispiel Microsoft und f=FChrten treffend aus, dass nicht so sehr die
Unternehmensgr=F6=DFe sondern die Herrschaft =FCber
Kommunikationsschnittstellen eine Gefahr darstelle. Sie versicherten
dabei, Ihre Beh=F6rde beobachte diese Gefahr sehr aufmerksam.
=20
Leider scheint es aber in der EU Kollegen zu geben, die Ihr
Gefahrenbewusstsein nicht teilen. Die EU-Kommission plant derzeit
Ma=DFnahmen, die auf eine Potenzierung der schon jetzt f=FCr Europa sehr
nachteilhaften Monopoltendenzen in der Softwarebranche hinauslaufen.
=20
Am 25. Juni soll auf der Konferenz ... in Paris ein Gesetzesentwurf
vorgelegt werden, der in Europa ein Softwarepatent-System nach
amerikanischem Vorbild einf=FChrt.
=20
In der Softwarebranche herrschen besonders deshalb seit Jahrzehnten
besonders krasse Formen der Wettbewerbsverhinderung, weil
Softwarefirmen, anders als traditionelle Publikations- oder
Industrieunternehmen, besonders viele informationelle
Verwertungsvorrechte auf einmal in Anspruch nehmen:
=20
* Urheberrecht
* Kopierschutz
* Betriebsgeheimnis (Verstecken/Verschl=FCsseln des Quelltextes
mitsamt darin enthaltenen Schnittstellen)
* Verwendungseinschr=E4nkungen (Verbot der R=FCckw=E4rtskompilierung)
* Festverdrahtung verschiedenartiger Systeme untereinander zu
Einheitsplattformen (Beschr=E4nkung der Interoperabilit=E4t und dami=
t
der M=F6glichkeit unabh=E4ngiger Hersteller, aufgrund technischer
Leistungen zu konkurrieren)
=20
Wenn sich nun hierzu auch noch Patentschutz als zus=E4tzliches
Schutzmittel gesellt, kann diese Situation nur versch=E4rft werden.
=20
In den letzten Monaten haben Microsoft und andere Firmen sich
Patentrechte auf Internet-Standards gesichert und damit das Genfer
World-Wide-Web-Konsortium W3C vor eine Zerrei=DFprobe gestellt. Zum
Gl=FCck gilt dieser Patentschutz bisher nicht f=FCr Europa.
=20
Bisher haben die EU-L=E4nder den Patentschutz f=FCr Software strikt
abgelehnt, soweit es sich um reine Informationswerke und nicht um
Teile von industriellen Apparaten handelt. Anders als Maschinen,
Chemikalien und sonstige Gegenst=E4nde des herk=F6mmlichen Patentschutze=
s,
ist ein Computerprogramm n=E4mlich zun=E4chst, =E4hnlich wie ein
wissenschaftlicher Artikel, nur eine formalsprachliche Beschreibung
von Ideen und Handlungsanweisungen. Erst in einem zweiten Schritt kann
man das reine Informationswerk zum Quasi-Industrieprodukt reduzieren,
indem man es undurchsichtig macht und sein Entwicklungspotential
einschr=E4nkt.
=20
Die Weisheit des europ=E4ischen Ansatzes, f=FCr Software als solche kein=
e
Patente zu vergeben, hat sich in den letzten Jahren besonders durch
die steigende Bedeutung der _quellenoffenen Software_ gezeigt. Systeme
wie GNU/Linux, FreeBSD u.a. sind aus der freien Kommunikation von
Fachleuten im Internet entstanden und haben durch ihre
Leistungsf=E4higkeit und Stabilit=E4t viele bekannte industrielle
Erzeugnisse in den Schatten gestellt. Ein neues post-industrielles
Modell der Software-Entwicklung hat seine =FCberlegene Produktivit=E4t
bewiesen und sich inzwischen schon in vielen Bereichen des
=F6ffentlichen Lebens fest etabliert.
=20
Es ist verst=E4ndlich, dass die gro=DFen industriellen Softwareproduzent=
en
der USA sich angesichts dieser neuen Entwicklung, an der Europa einen
Anteil von ca 50% hat, Sorgen machen.
=20
In einer [4]internen Studie von Ende Oktober 1998 konstatiert denn
auch ein Microsoft-Stratege, dass seine Firma rein auf der Ebene der
Qualit=E4t mit quellenoffenen Systemen wie Linux und Apache kaum
konkurrieren k=F6nne, da letztere im Internet "unvergleichlich besser
skalieren". Daher r=E4t er seiner Firma zum Einsatz von zwei
Kampfmitteln aus dem Arsenal der alten industriellen Produktionsweise:
=20
1. Propriet=E4re Erweiterung/Neuerfindung von Internetprotokollen
2. Anmeldung von Softwarepatenten
=20
Softwarepatente sind auch in den USA Gegenstand heftiger Kontroverse.
Sie erzeugen eine Rechtsunsicherheit, von der nur wenige
Branchenriesen profitieren k=F6nnen. Eine hektische St=E4rkung dieser
Branchenriesen durch schlecht beratene EU-Entscheidungstr=E4ger w=FCrde
wahrscheinlich mehr zunichte machen, als ein EU-Wettbewerbskommissar
in vielen Jahren aufmerksamen Wettbewerbsschutzes f=FCr Europa erreichen
kann.
=20
In Anbetracht der Dringlichkeit dieser Angelegenheit w=E4ren wir Ihnen
f=FCr eine baldige Antwort sehr dankbar. Insbesondere w=FCrden wir gerne
erfahren, was die EU genau plant, mit wem wir noch in Kontakt treten
k=F6nnten und wen wir als Dialogpartner, nicht zuletzt f=FCr den am 13.
Juni in K=F6ln stattfindenden [5]1. Kongress "Informationelle Monokultur
und die Alternativen" gewinnen k=F6nnten.
=20
Auf diesem Kongress werden noch zwei weitere Gef=E4hrdungen der
europ=E4ische Wettbewerbsordnung zur Sprache kommen:
=20
1. [6]die geplante Kooperation des Landes Nordrhein-Westfalen mit
Microsoft
2. [7]die geplante Kooperation/Fusion der Deutschen Telekom mit
Microsoft
=20
In beiden F=E4llen versuchen Tr=E4ger von mehr oder weniger =F6ffentlich=
en
Funktionen, sich als Wegbereiter eines ganz Europa betreffenden
Kartells zu verdingen, um sich darin fr=FChzeitig an vorteilhafter
Stelle einzurichten.
=20
Solche regionalen Wettbewerbsst=F6rungen sind aber noch harmlos im
Vergleich zu den Verheerungen, die ein EU-weites Software-Patentwesen
anrichten k=F6nnte.
=20
Wir w=FCnschen Ihnen eine robuste Gesundheit und gute Inspiration f=FCr
die gro=DFen Herausforderungen Ihres Amtes.
=20
Mit freundlichen Gr=FC=DFen
=20
Unterzeichnerliste
* [8]Hartmut PILCH
* [9]Siegfried PIOTROWSKI
* [10]Bernhard REITER
=20
=20
=20
_________________________________________________________________
=20
=20
http://swpat.ffii.org/miertde.html
1999-05-15 =A9 [11]PILCH Hartmut
References
1. http://swpat.ffii.org/indexde.html
2. http://swpat.ffii.org/miertde.html#alv
3. http://swpat.ffii.org/miertde.html#sub
4. http://www.opensource.org/halloween.html
5. http://kongress.ffii.org/indexde.html
6. http://www.ffii.org/clemde.html
7. http://www.heise.de/newsticker/data/cp-12.05.99-004/
8. http://www.ffii.org/~phm/
9. http://www.piotrowski.de/ffii/
10. http://genba.ffii.org/~breiter/
11. http://www.lrz.de/~phm/indexde.html
- [Patents] letter to Karel van Miert, PILCH Hartmut phm
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